„flüchtige übergänge“ – Fotografie – Performance – Musik von Kunsu SHIM

Konzerte

„flüchtige übergänge“ – Fotografie – Performance – Musik von Kunsu SHIM. 5. bis 26. September 2020 in der Klosterkirche-Nordshausen/ Kassel

Dass Schönheit in der Flüchtigkeit eines Übergangs zu finden sei, behauptet der Philosoph Byungchul HAN. Fotografie, Gesten, Klänge und Musik leben von eben solcher Flüchtigkeit, spielen mit ihr und beziehen ihre Schönheit daraus. Dies ist der Kerngedanke der für September 2020 geplanten Veranstaltungsreihe mit Fotografie, Performance und Musik des international renommierten Komponisten und Performers Kunsu SHIM in der Kasseler Klosterkirche.

Sein aus annähernd 300 Fotografien bestehendes Fotoprojekt trägt den Titel „ANDERE RÄUME, ANDERE STIMMEN“. Es bietet Ansichten diverser Alltagsszenen, die während verschiedener Reisen aus einem ganz subjektiven Blickwinkel aufgenommen und anschließend mit handschriftlichen Notizen – oft Zitaten von Autoren und Philosophen – versehen wurden, die tiefgründig von der Begegnung mit dem Anderen, von Prozessen innerer Verwandlung, von Fremdheit und Annäherung im Übergang handeln.

SHIM, der primär als Komponist neuer Musik und als Performance-Künstler in Erscheinung tritt, überrascht mit diesen Bildern und fügt mit ihnen seinem künstlerischen Wirken eine neue Seite hinzu, die auch seine Musik in einem besonderen Licht erscheinen lässt. Konsequenterweise verbindet sich deshalb die Ausstellung auch mit einer Performance und und einem Konzert:

Zur Vernissage am 5. September wird Kunsu SHIM zusammen mit Gerhard Stäbler die Vortragsperformance „changes!“ aufführen. Die beiden international tätigen Komponisten und Performance-Künstler genießen den Ruf kompromisslose Akteure mit eindringlich dichten Konzeptionen zu sein, treten seit vielen Jahren in Europa, Asien und Amerika auf und sind auch als Gastdozenten international gefragt.

Zur Finissage am 26. September wird die Pianistin Ji-Youn SONG im Rahmen eines Klavierabends SHIMs erst im Februar 2020 in Trier uraufgeführtes und ihr gewidmetes Werk mit dem Titel „Das Andere. Inneres“ zur Aufführung bringen. Diese Musik tritt in enge Beziehung zu Franz Schuberts a-moll Klaviersonate D 784 und wird gemeinsam mit ihr gespielt. Rein musikalisch wird hier die Schönheit flüchtiger Übergänge zu erleben sein: eine Art abschließender konzertanter Kommentar zu den ausgestellten Bildern.

 

Meine Komposition „Das Andere. Inneres“ für Klavier entstand auf Anregung der Pianistin Ji-Youn Song, die in ihren Programmen gerne Klassik mit Moderne verknüpft. Im Gespräch mit ihr gelangte ich dahin, Schuberts a-moll-Klaviersonate D 784 mit meiner Arbeit zu verbinden. Anfangs versuchte ich, eine Beziehung zu Schuberts Sonate herzustellen, kam dann aber zu der Einsicht, dass dies ein unnötiger Zwang wäre. Vielmehr habe ich mich an eine meiner früheren Kompositionen mit dem Titel „In einem Raum“ erinnert. Sie handelt vom zeitlichen und räumlichen Zusammensein zweier verschiedener Wesen und von der Begegnung mit dem Anderen. Davon ausgehend habe ich dann begonnen, diese neue Komposition zu schreiben.

Für sie ist die Zahl Zwei von grundlegender Bedeutung, auch wenn „Das Andere. Inneres“ an sich ein Solo-Werk ist. Es benötigt neben dem auf der Tastatur spielenden Pianisten jedoch einen weiteren Spieler, der – gleichsam als Assistent – den Klavierinnenraum bespielt. Außerdem kann das Werk auch von vier Spielern an zwei Flügeln gespielt werden. 

Der Spieler an den Tasten muss sie anschlagen, aber auch stumm drücken – die klingenden und die stumm gedrückten Tasten erzeugen Resonanzen als eine gegenseitige Reaktion von zeitlich und harmonisch zufällig zusammentreffenden Konstellationen. Klangliche Veränderungen entstehen aber auch – wiederum zufällig – durch temporäre und unabhängig gesetzte Präparationen der Klaviersaiten. Ich erhoffe mir, dass „Das Andere. Inneres“ Schuberts Werk auf ähnliche Weise begegnet und würde dies als Sympathie der Erinnerung bezeichnen.

Moderate und auch abrupte Veränderungen im Verlauf von Schuberts a-moll-Klaviersonate charakterisieren ihre musikalische Form. Die harmonische Struktur solcher Konstruktion lässt sie – typisch in der westlichen, romantischen Musik – ganz direkt emotional wirken. Diese Art von Veränderung des musikalischen Materials und damit von emotionaler Wirkung findet sich in „Das Andere. Inneres“ kaum. Vielmehr geschieht hier Veränderung an der Grenze, wo Zeit stillzustehen scheint. Anstatt sie ins Innere zu kehren, möchte ich stattdessen kontemplativ „im-Außen-bleiben“; solches „Im-Außen-Bleiben“ aber nicht auf eine glatte Oberfläche reduziert, sondern sich öffnend zu unzählig vielen und feinen Außen-Flächen und sich differenzierend, was die Grenze der Wahrnehmung undeutlich macht: Ein Raum, der fremdet.

Eine Seinswandlung vom Ich zum Du. Solches Werden jedoch ist wiederum nur im Inneren eines Hörenden möglich.

Das ist es, was ich mir von dieser Komposition wünsche. (Kunsu Shim / 2020)