Kunsu Shim: Das Andere. Inneres (UA)

Konzerte

Annäherung – „Das Andere, Inneres“ – Klavierabend am 9. Februar 2020 im Museum am Dom/ Trier

Kunsu Shim – „Das Andere, Inneres“ (2019)/ UA
Franz Schubert – Sonate a-moll D 784

Ji-Youn Song bringt die neue Komposition „Das Andere, Inneres“ von Kunsu Shim in Verbindung mit der a-moll-Sonate von Franz Schubert zur Uraufführung. Vergleichbar mit zwei Lebewesen, die sich – wie bei der berühmten Performance von Joseph Beuys und einem Koyoten in New York – in einem geschlossenen Raum einander annähern, wirft das Werk von Shim – noch zugespitzt in der Kombination mit Schuberts Musik – die Frage nach einer anderen Möglichkeit des Zusammenseins und -wirkens und der Annäherung auf.

Meine Komposition „Das Andere. Inneres“ für Klavier entstand auf Anregung der Pianistin Ji-Youn Song, die in ihren Programmen gerne Klassik mit Moderne verknüpft. Im Gespräch mit ihr gelangte ich dahin, Schuberts a-moll-Klaviersonate D 784 mit meiner Arbeit zu verbinden. Anfangs versuchte ich, eine Beziehung zu Schuberts Sonate herzustellen, kam dann aber zu der Einsicht, dass dies ein unnötiger Zwang wäre. Vielmehr habe ich mich an eine meiner früheren Kompositionen mit dem Titel „In einem Raum“ erinnert. Sie handelt vom zeitlichen und räumlichen Zusammensein zweier verschiedener Wesen und von der Begegnung mit dem Anderen. Davon ausgehend habe ich dann begonnen, diese neue Komposition zu schreiben.

Für sie ist die Zahl Zwei von grundlegender Bedeutung, auch wenn „Das Andere. Inneres“ an sich ein Solo-Werk ist. Es benötigt neben dem auf der Tastatur spielenden Pianisten jedoch einen weiteren Spieler, der – gleichsam als Assistent – den Klavierinnenraum bespielt. Außerdem kann das Werk auch von vier Spielern an zwei Flügeln gespielt werden. 

Der Spieler an den Tasten muss sie anschlagen, aber auch stumm drücken – die klingenden und die stumm gedrückten Tasten erzeugen Resonanzen als eine gegenseitige Reaktion von zeitlich und harmonisch zufällig zusammentreffenden Konstellationen. Klangliche Veränderungen entstehen aber auch – wiederum zufällig – durch temporäre und unabhängig gesetzte Präparationen der Klaviersaiten. Ich erhoffe mir, dass „Das Andere. Inneres“ Schuberts Werk auf ähnliche Weise begegnet und würde dies als Sympathie der Erinnerung bezeichnen.

Moderate und auch abrupte Veränderungen im Verlauf von Schuberts a-moll-Klaviersonate charakterisieren ihre musikalische Form. Die harmonische Struktur solcher Konstruktion lässt sie – typisch in der westlichen, romantischen Musik – ganz direkt emotional wirken. Diese Art von Veränderung des musikalischen Materials und damit von emotionaler Wirkung findet sich in „Das Andere. Inneres“ kaum. Vielmehr geschieht hier Veränderung an der Grenze, wo Zeit stillzustehen scheint. Anstatt sie ins Innere zu kehren, möchte ich stattdessen kontemplativ „im-Außen-bleiben“; solches „Im-Außen-Bleiben“ aber nicht auf eine glatte Oberfläche reduziert, sondern sich öffnend zu unzählig vielen und feinen Außen-Flächen und sich differenzierend, was die Grenze der Wahrnehmung undeutlich macht: Ein Raum, der fremdet.

Eine Seinswandlung vom Ich zum Du. Solches Werden jedoch ist wiederum nur im Inneren eines Hörenden möglich.

Das ist es, was ich mir von dieser Komposition wünsche. (Kunsu Shim / 2020)